Donnerstag, 8. Februar 2018

Ein Vorschlag für neue archäologische Denkmalschutzbestimmungen für Österreich

Raimund Karl 

Eine Antwort zu Rainer Schregs Kommentar zu meinem Beitrag „Facharchäologische Argumente gegen die Metallsuche durch Laien“

2014 habe ich in einer Facebook-Diskussion einen (durchaus bewusst provokant formulierten) Beitrag über die aus meiner Sicht fehlerhafte facharchäologische Argumentation gegen die Metallsuche durch Laien verfasst, den Rainer Schreg dankenswerter Weise auf seinem Archaeologik-Blog übernommen und somit für seine weitere als erwartete Verbreitung gesorgt (Karl 2014) und zwei Jahre später auch selbst in einem eigenen Blogbeitrag kommentiert hat (Schreg 2016). Dennoch ist die von uns beiden gewünschte fachliche Diskussion bisher ausgeblieben. 

Vorausschickend sei festgehalten, dass mein Beitrag (Karl 2014) weder dazu gedacht war, als Argument für ein Recht auf unreglementierte Metallsuche noch gegen die archäologische Fachwelt und ihre Praktiken herzuhalten. Vielmehr ging es mir darum, auf das Missverhältnis zwischen unserer Argumentation und unserer eigenen Praxis (insbesondere in der „angewandten“ archäologischen Denkmalpflege im Feld) hinzuweisen; mit dem Ziel, eine bessere Konkordanz zwischen den durch unsere Argumentation kommunizierten denkmalpflegerischen Ansprüchen und unserer Praxis zu erreichen. Um diese erhöhte Konkordanz – die für die allgemeine Nachvollziehbarkeit unserer Argumentation durch mündige BürgerInnen essentiell ist – zu erreichen, war und ist meiner Meinung nach ein innerfachliches Umdenken erforderlich. Wie die archäologische Denkmalpflege anders (und meiner Meinung nach auch besser als bisher) gedacht und umgesetzt werden könnte, habe ich nunmehr in einen Änderungsvorschlag für die archäologischen Schutzbestimmungen des österreichischen Denkmalschutzgesetzes (DMSG) gefasst. Dieser Vorschlag beruht teilweise auf meinen 2014 gezogenen Schlussfolgerungen und Schregs Kommentar dazu. Für die, die genauer nachlesen wollen, wurde der volle Wortlaut samt kurzer Begründung dieses Vorschlags (Karl 2018a) ebenso wie das Manuskript meines ebenfalls diesbezüglichen, in Vorbereitung befindlichen neuen Buches zum Thema (Karl 2018b) online zur Diskussion gestellt:

Der Kommentar von Rainer Schreg (2016)


Ehe ich auf meinen neuen Vorschlag selbst eingehe, möchte ich jedoch auf Rainer Schregs (2016) Kommentar zu meiner Argumentationskritik (Karl 2014) eingehen. Schreg meint in diesem, nicht mit meiner Position übereinzustimmen, weil meine Überlegungen zwar nicht grundsätzlich falsch seien, aber an der Sache vorbeigehen würden. Als wesentliche Gründe dafür nennt er:
  1. Die Bedingungen bei Ausgrabungen entsprächen zwar keinesfalls immer den fachlichen Idealvorstellungen, das rechtfertige jedoch nicht, uns der verfügbaren Optionen dadurch zu berauben, dass wir MetallsucherInnen erlauben, unsere Quellen ohne Not zu vernichten.
  2. Die Konservierungsbedingungen von Funden in Sammlungen der öffentlichen Hand seien zwar nicht immer optimal, dies sei jedoch kein Argument für Privateigentum an Funden. Vielmehr sei beim Verursacherprinzip verstärkt auch an Grabungsfolgekosten zu denken und Mängel in der derzeitigen Praxis ein Argument für die in situ-Erhaltung von Funden.
  3. Das Ziel sei letztendlich die Qualitätssicherung, nicht verstärktes laissez-faire betreffend der Zerstörung von Bodendenkmalen. Man müsse daher vielmehr dafür sorgen, dass möglichst wenige Funde unter fragwürdigen Bedingungen gemacht werden.
  4. Umfassende Konzepte für die effektivere öffentliche Vermittlung der wissenschaftlichen Anliegen und Standards des Faches seien erforderlich, wobei ein pauschales Verbot des Sondengehens und auch ein Schatzregal das Problem nicht löse.
  5. Zwar sei Wissenschaft kein Grundrecht, aber noch immer eine Grundlage unserer Gesellschaft, weshalb vor anderen Nutzungen der Vergangenheit eine Interessensabwägung stattfinden müsse, die vor allem ihre bestmögliche Erhaltung zum Ziel haben müsse.
  6. Zwar würden ArchäologInnen heute von der Zerstörung der Denkmale profitieren, aber sie seien nicht deren VerursacherInnen, sondern würden von diesen oder der Allgemeinheit dafür bezahlt, möglichst viel davon zu dokumentieren. Meine Warnung vor gegen den Profit aus der Denkmalzerstörung gerichteten Argumenten sei in Anbetracht der oft prekären Arbeitsbedingungen in der Archäologie (über die ich mich ja ebenfalls schon seit langem sehr kritisch äußere) deplatziert.

Als Fazit fasst Schreg zusammen, dass ich zwar an einigen Punkten recht hätte und auf einige Probleme im Fach in Theorie und Praxis hinweisen würde. Diese seien aber kein Argument dafür, dass MetallsucherInnen das Recht hätten, unser Kulturerbe zu vernichten. Probleme würden nicht dadurch gelöst, dass man neue anhäufe; vielmehr müsse man ein Miteinander finden, denn das Gegeneinander lähme nur Kräfte und mache die Situation nur schlimmer.

Es mag jetzt vielleicht für manche LeserInnen überraschend sein, aber ich stimme Schreg in nahezu allen Punkten grundsätzlich zu, wenngleich ich dennoch nicht unbedingt völlig einig mit ihm bin. Auch ich möchte die Ziele, die er in seinem Kommentar definiert, erreichen. Die Frage ist meiner Meinung nach nur, wie man diese Ziele am besten erreichen kann; und hier weiche ich deutlich vom derzeitigen Fachkonsens ab.


Der Fehler im Kommentar von Schreg: die Wissenschaftsfreiheit

Ich stimme mit Schreg nur in einem, aber dafür enorm wesentlichen, Punkt überhaupt nicht überein, weil er in diesem objektiv falsch liegt. Denn die Wissenschaft ist sowohl in Deutschland (Art. 5 Abs. 3 GG) als auch in Österreich (Art. 17 Abs. 1 StGG) ein verfassungsgesetzlich und in der gesamten EU (Art. 13 Charta der Grundrechte der Europäischen Union) europarechtlich vorbehaltlos geschütztes Grund- und sogar ein völkerrechtlich geschütztes allgemeines Menschenrecht (Art. 15 Abs. 1-3 Internationaler Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte; für Deutschland siehe BGBl. 1973 II S. 1569; für Österreich BGBl. Nr. 590/1978). Sie ist also ein so hochrangig wie nur möglich geschütztes Jedermannsrecht.

Genau hier liegt meiner Meinung nach das größte Problem mit allen bisherigen deutschsprachigen Lösungsversuchen der archäologischen Denkmalpflege: sie beschränken dieses Grundrecht;

Montag, 5. Februar 2018

Rote Liste für den Jemen

Bombenangriff auf Sana'a 2016
(Foto: fahd sadi [CC BY 3.0] via WikimediaCommons)
Man vernimmt wenig vom Krieg im Jemen. Meldungen aus den letzten Tagen berichten von neuen Konflikten und neuen Fronten. Schon bisher sind Menschenleben in offenbar nicht geringer Zahl zu beklagen - und auch die Zerstörung von Kulturgut, in der üblichen Mischung von Kollateralschäden, Vernachlässigung und Plünderung bis hin zu möglicherweise bewusster Zerstörung.

ICOM hat nun eine ihrer Roten Listen publiziert, die exemplarisch Kulturgüter zeigt, die nun möglicherweise verstärkt in den illegalen Handel kommen:

Links

Zerstörung von Kulturgütern
zur aktuellen Lage

Trotz des Klagens über die Verluste an Menschen und Kultur verkauft der Westen die passenden Waffen:

Interne Links

Samstag, 3. Februar 2018

Neue Front - neue Zerstörungen: Das türkische Eingreifen in Syrien (Kulturgüter in Syrien und Irak Januar 2018)


Löwenskulptur von Ain Dara
(Foto: Verity Cridland [CC BY 2.0] via WikimediaCommons)
Mit dem türkischen Einmarsch im Nordwesten Syriens, in einer Provinz, die von direkten Kämpfen im Bürgerkrieg bislang relativ verschont geblieben war, gibt es nun von syrischer Seite schon nach wenigen Tagen Meldungen an Zerstörungen archäologischer Fundstellen durch das türkische Militär. Betroffen sein soll der Tell Ain Dara, der vor allem durch seine neo-hethitische Tempelarchitektur aus dem ersten Jahrtausend v.Chr.  bekannt ist.
In den kurdischen Gebieten Nordsyriens wurde bereits vor über einem Jahr eine Denkmalbehörde oder genauer: The Authority of Tourism and Protection of Antiquities ins Leben gerufen, die eine eigene Internetseite unterhält:
Hier finden sich auch einige Zustandsberichte von archäologischen Fundstellen aus der Region.

Ebenfalls militärischer Kollateralschaden wurde das Museum von Ma’arrat al-Nu’man in Syrien, wie APSA2011 am 2.1.2018 postete. Dieser Ort in der Provinz Idlib ist historisch durch ein Massaker während des Ersten Kreuzzugs 1097 bekannt, bei dem es von Seiten der Kreuzritter - nach christlichen Quellen - auch zu Kannibalismus gekommen sein soll. Das archäologische Museum beherbergt(e) eine wichtige Sammlung antiker und byzantinischer Mosaiken. Während des Syrischen Bürgerkrieges wurde die Stadt von oppositionellen Milizen gehalten, im Februar 2016 wurde das Krankenhaus der Stadt in einem Luftangriff zerstört. Auch das Museum wurde bereits 2016 bei Bombadierungen schwer beschädigt. Ob die neuen Bilder nun tatsächlich neue Schäden zeigen, bleibt erst mal unklar.
Schon im Oktober 2017 zeigte APSA Bilder und ein Video der Sprengung eines byzantinischen Gebäudes in einer der Toten Städte, Deir Sunbel. Die Bilder zeigen deutlich, dass es sich um eine bewusste Sprengung handelt. Auf dem Gebäude war zuvor eine Flagge gehisst worden. Hier handelt es sich um eine bewusste Zerstörung, die nicht der üblichen Daesh-Propaganda zugerechnet werden kann. Nähere Informationen wurden jedoch nicht gegeben.

Schadensbilder

Heritage for Peace Damage Newsletter
ASOR Monthly Report November 2017


Maßnahmen



Links

frühere Posts zum Bürgerkrieg in Syrien auf Archaeologik (u.a. monatliche Reports, insbesondere Medienbeobachtung seit Mai 2012), inzwischen auch jeweils zur Situation im Irak

Dank an diverse Kollegen für Hinweise.

Mittwoch, 24. Januar 2018

Nahes und fernes Kulturerbe – Gedanken zu „Zweierlei Moral”

Beitrag von Raimund Karl

Abriss des Immenrather Doms 2018
zur Erweiterung des Braunkohletagebaus
(Foto: Raimond Spekking [CC BY-SA 4.0]
via Wikimedia Commons)
Der provokative Beitrag Zweierlei Moral? (Archaeologik [19.1.2018]) hat in der fb-Gruppe Archäologie in Deutschland zu einigen Reaktionen geführt. Einige Kommentatoren haben die Vergleichbarkeit der beiden Fälle bezweifelt oder das geringe Alter des "Immenrather Doms" hingewiesen (was für dessen Bedeutung für die Dorfgemeinschaft und die Regionalgeschichte aber nicht wesentlich ist, zumal er nur exemplarisch für den ganzen Braunkohletagebau steht), doch wurde auch darauf verwiesen, dass es in Deutschland möglicherweise eine höhere Wertschätzung fremden Kulturgutes gäbe. Die recht ausführlichen Gedanken von Raimund Karl dazu möchte ich auch hier im Blog einstellen, da ich sie für eine überfällige Debatte als hilfreich empfinde [RS]:



In diesem Fall sehe ich wenig Grund, die von Rainer Schreg in diesem Fall postulierte "Ungleichwertung" von kulturellem Erbe bzw. die "Doppelmoral" in der Bewertung der Zerstörung von Kulturgütern mit einer Überkompensation des Missbrauchs des "eigenen" kulturellen Erbes Deutschlands während des 3. Reichs und einem dadurch verursachten "gestörten" Verhältnis der "Deutschen" mit diesem zu erklären. Eine solche Überkompensation hat es zweifellos gegeben und gibt es zweifellos auch immer noch, und der "Nationalstolz" der "Deutschen" auf das deutsche Kulturerbe ist in diesem Sinn tatsächlich gestört. Gerade im Fall des Vergleichs der Empörung über die Zerstörung Palmyras durch Daesh (oder wei auch immer man sie gerade nennen soll) und der weit geringeren Empörung über die Zerstörung des "Immenrather Doms" (und anderem Kulturerbe im Braunkohletagbau, die sich, wenn man von dem gerade konkret herangezogenen Fall einmal absieht, tatsächlich in Anbetracht von 95% Zerstörungsquote bekannter archäologischer Fundstellen im Braunkohletagbau - um von den unbekannten gar nicht erst zu reden - durch vollständiges Fehlen öffentlich geäußerter Empörung auszeichnet) würde ich ganz andere Gründe für die "Ungleichwertung" verantwortlich machen.

Um zu zeigen, dass diese "Doppelmoral" nicht durch "deutsche Überkompensation" erklärbar ist, ein kurzer Blick nach Großbritannien, wo ich ja lebe, erhellend: hier hat die Zerstörung von Palmyra auch viel mehr Empörung "ausgelöst" als z.B. die Pläne für die teilweise Verlagerung (für deren geplante Verbreiterung) der an Stonehenge vorbeiführenden Bundesstrasse in einen Tunnel und die - wenn es zur Umsetzung dieser Pläne kommt - damit verbundene radikale Umgestaltung der historisch gewachsenen Kulturlandschaft um Stonehenge (zu der natürlich auch die an diesem Denkmal vorbeiführende Strasse gehört, die somit auch Kulturerbe ist); geschweige denn die stetig vorkommende (ob nun ganz oder nur teilweise archäologisch dokumentierte) Vernichtung weit weniger prominenter archäologischer Fundstellen und anderer Kulturdenkmale im Kontext der normalen modernen Landschaftsnutzung. Und die Briten sind gerade auf Stonehenge besonders stolz und leiden auch auf ihr sonstiges kulturelles Erbe sicherlich nicht an einer "deutschen Überkompensation". Es scheint mir also höchst unwahrscheinlich, dass die "Doppelmoral", die Rainer Schreg hier kritisiert, irgendwas mit einem "gestörten" Verhältnis zum "eigenen" Kulturerbe oder einer ebenso "gestörten" nationalen Identität zu tun hat.
Ich sehe gerade im Fall dieser "Doppelmoral" ganz andere und weit wichtiger Gründe, die die unterschiedliche Bewertung der (bzw. Empörung über die) Zerstörung Palmyras und des "Immenrather Doms" weit besser erklären.

Diese sind
  1. der Propagandakrieg zwischen Daesh und der restlichen ("zivilisierten" und auch nicht so "zivilisierten") und insbesondere der "westlichen" Welt. Dieser war keineswegs eine rein einseitige Sache, bei der der "bösen" Propaganda des Daesh (und die Zerstörung von Palmyra war in erster Linie eine Propagandaaktion des Daesh) von der Gegenseite (zu der auch und insbesondere "wir" in der "westlichen" Welt gehören) nichts als die nackte Wahrheit entgegengestellt wurde. Vielmehr wurde die Zerstörung der "Weltkulturerbestätte" Palmyra durch Daesh von "unserer Seite" genauso zu (nur aus unserer Sicht "guten") Propagandazwecken genutzt wie von Daesh.
    Der Punkt des Konzepts des "Weltkulturerbes" ist, dass sich (idealerweise) Menschen in aller (aber insbesondere in der westlichen) Welt mit dem derart designierten Kulturerbe identifizieren, sowohl aus Gründen des (dadurch im Vergleich mit dem Schutz beliebiger anderer Kulturgüter im betreffenden Land normalerweise stark verbesserten) Kulturgüterschutzes für die so designierten Stätten, als auch aus beinharten ökonomischen Interessen im Bereich des Kulturtourismus, Die erwünschte Selbstidentifikation "aller" (aber insbesondere "westlicher") Menschen mit dem Weltkulturerbe führt nämlich letztendlich dazu, dass sich mehr (vor allem reiche "westliche") Menschen die derart designierten Stätten anschauen wollen. Das macht es für (fast) jeden Staat und dessen Regierung attraktiv, diese Stätten besonders gut (und oft weit besser als anderes "nationales" Kulturerbe) zu schützen, weil das Kohle auch in ihre Taschen spült, die sie sonst nicht hätten.
    Dadurch, dass sich "alle" (und insbesondere "westliche") Menschen selbst mit dem Weltkulturerbe identifizieren, macht es aber gerade in gewaltsamen Auseinandersetzungen (insbesondere solchen, in denen die eine Seite sich nicht zuletzt durch eine Abgrenzung gegenüber der "westlichen" Welt definiert) zu einem extrem geeigneten Propagandamittel. Die, die sich gegen "den Westen" (und auch "alle" anderen) abgrenzen, können dadurch, dass sie Weltkulturerbe zerstören, zeigen dass sie "dem Feind" damit "Schaden" zufügen und somit bei ihren eigenen Anhängern punkten. Aber "der Westen" (und "alle" anderen auf der Gegenseite) können die Selbstidentifikation von Leuten auf der "westlichen" (bzw. anderen) Seite mit diesem Kulturerbe ebenso nutzen, weil ein Angriff auf etwas, mit dem sich auch nur ein Teil der eigenen Bevölkerung identifiziert kann als Angriff auf die eigene Gemeinschaft (bzw. "die Menschheit") in ihrer Gesamtheit dargestellt werden (und wurde es in diesem Fall auch; ebenso wie im Fall der Bamiyan Buddhas, wo sich genau dasselbe beobachten hat lassen).
    Die Medien spielen hier auch dankbar mit: "Skandale", über die sich die Leute "empören" können, verkaufen das Produkt der Medien besser als alles andere. Also wird in solchen Fällen - die bei uns im "Westen" (und auch praktisch überall sonst auf der Welt) letztendlich gesellschaftlich weitestgehend folgenlos sind und bleiben (außer vielleicht, dass ein paar ArchäologInnen ein paar Millionen Euro für neue Forschungs- und vielleicht ein paar Wiederaufbauprojekte für das betroffene Kulturerbe bekommen, die dafür woanders im Kulturgüterschutz weggespart werden) - die propagandistisch gewollte "Empörung" gehypt.
  2. In Deutschland wie auch in Großbritannien ist - selbst extreme - "Empörung" über die Zerstörung "unseres gemeinsamen Welterbes" vollkommen unproblematisch, wenn nicht sogar nützlich. "Wir Deutsche" oder auch "wir Briten" oder sogar "wir zivilisierten Menschen" können uns alle vollkommen einig drüber sein, dass das "ein Skandal ist!!!!!!!!", weil es hier praktisch niemanden gibt, der ein ernsthaftes Interesse daran haben kann, irgendwo in Syrien oder auch Afghanistan, wo 99% der Bevölkerung nicht nur nie waren, sondern auch nie hinkommen werden, irgendwelche alten Sachen in die Luft zu blasen. Die "Empörung" über diese Zerstörung tut also niemandem weh und schweißt "uns" zusammen. Mit der Zerstörung von "unserem eigenen" Kulturerbe wie dem "Immenrather Dom" (oder auch der historisch gewachsenen Kulturlandschaft um Stonehenge; oder auch der sonstigen Archäologie im deutschen Braunkohletagbau oder irgendwo in Großbritannien, die Baumaßnahmen zum Opfer fallen soll) ist das hingegen ganz anders. Weil die Erhaltung unseres "eigenen" Kulturerbes bedeutet wenigstens für manche von "uns" einen Verzicht auf irgendetwas. Im Fall des "Immenrather Doms" (und des archäologischen Kulturerbes in den Braunkohlegebieten) hatte wenigstens das Unternehmen, das dort Braunkohle abbauen will (und wahrscheinlich auch dessen Angestellte, die ihren Job behalten und bezahlt werden wollen) ein gewisses Interesse daran, dass es dieses Kulturerbe zerstören darf. Und überhaupt ist der Denkmalschutz vielen Menschen ein gewisser Dorn im Auge, vor allem wenn er sie selbst und ihr Eigentum betrifft und eventuell ihre Pläne, wie sie dieses Eigentum nutzen (oder auch nur verändern) wollen behindert. Oder anders gesagt: es gibt in unserer jeweiligen ("deutschen", "britischen", "westlichen" etc.) Gesellschaft selbst eine nicht irrelevante Bevölkerungsgruppe, die zwar vielleicht nicht gegen, aber jedenfalls auch nicht für die Erhaltung des "eigenen" Kulturerbes ist; und sogar in Fällen, in denen dieses sie selbst und die Verwirklichung ihrer eigenen Interessen behindern könnte, ganz konkret gegen die Erhaltung des (bzw. wenigstens dieses bestimmten) Kulturerbes ist.
    Das "eigene" Kulturerbe spaltet also die "eigene" Gesellschaft in zwei Lager; und diese beiden Lager können vielleicht gegeneinander Propagandafeldzüge führen, aber nicht einen gemeinsamen Propagandafeldzug gegen einen gemeinsamen "äußeren" Feind. Daher ist auch die gesamtgesellschaftliche "Empörung" und vor allem der diese zusätzlich anfeuernde Medienhype weitaus geringer.

Die Folge dieser beiden Gründe ist, dass in einem Fall sich die "Empörung" soweit aufschaukelt, wie es geht, während im anderen Fall die Empörung eher unterdrückt wird bzw. durch Unterstützung der Zerstörung ausgeglichen wird. Folge ist eine scheinbare "Doppelmoral", die aber eigentlich gar keine ist, bzw. nur sehr bedingt eine ist.

Der "innerdeutsche" ("innerbritische" etc.) Interessenskonflikt wird noch dazu durch gesamtgesellschaftlich akzeptierte, bei uns noch dazu demokratisch legitimierte Interessensausgleichsmechanismen aufgefangen: es ist eben die Aufgabe der staatlichen Denkmalpflege, zwischen dem berechtigten Allgemeininteresse am Kulturgüterschutz und dem ebenso berechtigten Allgemein- und Individualinteresse an der wirtschaftlichen Nutzung der Landschaft und in dieser vorhandener Überreste der Vergangenheit abzuwägen. Die Mehrheit der Bevölkerung akzeptiert das letztendlich auch und regt sich daher nicht besonders darüber auf (wenn ihr nicht am konkret betroffenen Kulturdenkmal besonders viel liegt), wenn etwas weggebaggert wird, bei dem das Denkmalamt der Ansicht war, dass es "schon nicht so wichtig ist". Folge: weniger Empörung.

Es bedarf also keiner tiefenpsychologischen Kollektivschuldpsychose, um diese scheinbare "Doppelmoral" zu erklären. Vielmehr erklärt sie sich dadurch, dass es daheim mehr weh tut, wenn man sich streitet, als wenn man sich gemeinsam daheim darüber empört, dass irgendwer irgendwo irgendwas macht, das man nicht will...